5.2.05

Gästeliste: Jürgen Alberts

Jürgen Alberts
Bild: Wikipedia
Name: ALBERTS
Vorname: JÜRGEN
Heimatadresse: BREMEN
Ankunft im TERMINUS: in Kapitel 11
 


J.B.Cool und die letzten Dinge
J.B. Cool, der Bremer Meisterdetektiv, hat im Zimmer 20 des TERMINUS eine Begegnung der seltsamen Art - mit Klaus Mann. Der ist zwar eigentlich schon lange tot - aber das hindert ihn nicht daran. kurz mal zu telefonieren.
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Es gibt Tage, die nenne ich rien ne vas plus. Und zwar gar nix mehr. Das Licht gleißt schwarz, tausend Tunnel haben den Blick verstellt. Am liebsten würde ich landunter liegen und nie wieder an Bord kommen. Solche Tage mehren sich, wenn mal wieder Bomben fallen, diesmal im fernen Irak, mal wieder die Macht eines Weltpolizisten über den Protest von Millionen obsiegt, wenn man sich in seiner Haut äußerst unwohl fühlt. Als habe der Flaschengeist Freigang bekommen.
So einen Tag hatte ich erwischt, ausgerechnet ein Frei-Tag.
Theo hatte sich am Morgen mit den Worten verdünnisiert: "J.B., ich muss mal Tapetenwechsel haben." Mit den letzten Euros aus der Portokasse war er verschwunden, nur ein paar Krümel schwarzen Afghans waren mir geblieben.
Allein. Onkeltantenvatermutterbruderseelenallein. Und dann auch noch diese Bilder. Seit Wochen. Brannten sich in mein Hirn. Grüne Panzerblitze, verbrannte Kinderleichen. Feuer über Bagdad, schreiende Väter.
Ich saß auf meinem Bürostuhl, die Arme verschränkt, die Beine angewinkelt. Der Körper eine Anspannung, alles erstarrt. Gab es irgendeinen Ausweg?
Ausweg, so nennen die Schotten das Gefühl, wenn der letzte Pub geschlossen hat, und der Faröer fügt hinzu: Ein Ausweg hat noch nie geschadet, besonders hintenrum. Während meine Liebste gerne formuliert: Wenn Du meinst, es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Lichtschein her.
Das Telefon bärte.
Abnehmen oder nicht abnehmen, war die Frage seit Hamlet. Ein Anruf konnte mich an so einem schwarzen Tag noch weiter aus der Bahn werfen oder eben... wieder aufrichten.
"J.B.Cool, wen darf ich für Sie beschatten?" Das sage ich seit Jahren, damit meine Gesprächspartner sofort wissen, mit wem sie es zu tun haben. Ein private eye muss sich in steter Alarmbereitschaft zeigen.
Am anderen Ende. Alles. Tot. Nix. Nicht mal ein Freizeichen. Als hätte ein übermächtiges Wesen den ganzen Äther verschluckt. War schon eine Atombombe auf die Telekom gefallen?
"Hallo, ich bin’s", rief ich in die Sprechmuschel. Mal probeweise. Vielleicht sollte ich die Sache friedlicher angehen.
Oder war es Theo, der ein schlechtes Gewissen hatte, mich derart schnöde verlassen zu haben?
Die Leitung blieb verstummt.
Früher, als noch alles gelb funktionierte, Post, Pakete, Telefon, meldete sich nach dem Klingelzeichen meistens ein Klient. Der Bürgermeister, besorgt um das Image der Hansestadt, das enttäuscht nach Cuba zum Saufen gefahren war, oder die Kultursenatorin auf der Suche nach den schwarzen Löchern in ihrem schlappen Etat, der Fußballvereinsmeier mit der Bitte um eine kluge Taktik gegen den drohenden Abstieg... wie viele Fälle hatte ich schon ungelöst hinterlassen. Es war mindestens eine Legion.
Aber dass nicht mal mehr die Klienten mit mir sprechen wollten, war beschämend, um nicht zu sagen, verzweifelnd. Oder auch: voll unter der Gürtellinie.
Kaum hatte ich aufgelegt, klingelte es wieder.
Sofort griff ich nach dem Hörer.
Es gibt so ein Selbstanrufprogramm, um sich bei Laune zu halten oder um Klienten auf der anderen Seite des Schreibtisches mal richtig zu beeindrucken, aber wir haben uns bei dieser Offerte zurück gehalten. Es hätte zu viel Verwirrung gestiftet.
"Hier spricht J.B. Cool, ergeben Sie sich und kommen mit hoch erhobenen Händen herein!" Ich variierte meine Ansage, vielleicht half ja das.
Die Leitung blieb schwarz wie das Öl, das gegenwärtig in den Wüstenstädten lichterloh brannte.
Ich legte den Hörer daneben.
Noch so ein Menetekel und ich würde mich aus dem Fenster stürzen. Erster Stock, Knochenbrüche inklusive.
Im Polizeirevier gegenüber würde sie was zum Lachen haben. Ein verzweifelter Sprung aus drei Metern Höhe.
Plötzlich murmelte jemand, was sage ich, faselte, brabbelte, ich zog den Hörer wieder an mein Ohr.
"Morgen Abend, 20 Uhr, Hotel Terminus, Zimmer 20!" Wie eine Endlosschleife, fünf-, sechs-, sieben mal wiederholt – dann war finito.
Morgen Abend war kein Problem. Ich hatte ja alle Zeit der Welt.

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