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25.7.11

HOTEL TERMINUS - DER ROMAN





















HOTEL TERMINUS
Das ungewöhnlichste Krimi-Projekt des Jahres

Ein Hotel-Roman von 12 preisgekrönten Krimi-Autoren.
  • Regula Venske
  • Silvia Kaffke
  • H.P. Karr
  • Edith Kneifl
  • Ralf Kramp
  • Christine Lehmann
  • Birgit H. Hölscher
  • Horst Eckert
  • Roger M. Fiedler
  • Peter Zeindler
  • Jürgen Alberts.
  • Plus Walter Wehner

Das HOTEL TERMINUS liegt in der Bahnhofsgegend einer westdeutschen Grossstadt, im Schnittbereich von ROTLICHT-Viertel und Altstadtkern - ein schon etwas länger nicht mehr renovierter Gründerzeitbau, der noch eine Ahnung der ehemaligen Eleganz verspüren lässt. Doch die Teppiche sind abgetreten, die Installation tropft und der Lift ächzt.

Gäste kommen, wohnen ein paar Tage im HOTEL TERMINUS und ihre Geschichten werden von den einzelnen Autoren dieses Romans erzählt.

Und natürlich sind da noch die HENK, der alte Portier des TERMINUS, DIANA, die Hausdame mit der Schwäche für Rotwein und JUAN, der Barkeeper, der in einigen Monaten seinen Job auf der "Queen Elizabeth II" antreten wird. Ihre Geschichte erfahren wir im Vorübergehen, zwischen den Geschichten der Gäste.

5.2.05

Gästeliste: Jürgen Alberts

Jürgen Alberts
Bild: Wikipedia
CC BY-SA 3.0
Name: ALBERTS
Vorname: JÜRGEN
Heimatadresse: BREMEN
Ankunft im TERMINUS: in Kapitel 11



J.B.Cool und die letzten Dinge
J.B. Cool, der Bremer Meisterdetektiv, hat im Zimmer 20 des TERMINUS eine Begegnung der seltsamen Art - mit Klaus Mann. Der ist zwar eigentlich schon lange tot - aber das hindert ihn nicht daran. kurz mal zu telefonieren.
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Es gibt Tage, die nenne ich rien ne vas plus. Und zwar gar nix mehr. Das Licht gleißt schwarz, tausend Tunnel haben den Blick verstellt. Am liebsten würde ich landunter liegen und nie wieder an Bord kommen. Solche Tage mehren sich, wenn mal wieder Bomben fallen, diesmal im fernen Irak, mal wieder die Macht eines Weltpolizisten über den Protest von Millionen obsiegt, wenn man sich in seiner Haut äußerst unwohl fühlt. Als habe der Flaschengeist Freigang bekommen.
So einen Tag hatte ich erwischt, ausgerechnet ein Frei-Tag.
Theo hatte sich am Morgen mit den Worten verdünnisiert: "J.B., ich muss mal Tapetenwechsel haben." Mit den letzten Euros aus der Portokasse war er verschwunden, nur ein paar Krümel schwarzen Afghans waren mir geblieben.
Allein. Onkeltantenvatermutterbruderseelenallein. Und dann auch noch diese Bilder. Seit Wochen. Brannten sich in mein Hirn. Grüne Panzerblitze, verbrannte Kinderleichen. Feuer über Bagdad, schreiende Väter.
Ich saß auf meinem Bürostuhl, die Arme verschränkt, die Beine angewinkelt. Der Körper eine Anspannung, alles erstarrt. Gab es irgendeinen Ausweg?
Ausweg, so nennen die Schotten das Gefühl, wenn der letzte Pub geschlossen hat, und der Faröer fügt hinzu: Ein Ausweg hat noch nie geschadet, besonders hintenrum. Während meine Liebste gerne formuliert: Wenn Du meinst, es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Lichtschein her.
Das Telefon bärte.
Abnehmen oder nicht abnehmen, war die Frage seit Hamlet. Ein Anruf konnte mich an so einem schwarzen Tag noch weiter aus der Bahn werfen oder eben... wieder aufrichten.
"J.B.Cool, wen darf ich für Sie beschatten?" Das sage ich seit Jahren, damit meine Gesprächspartner sofort wissen, mit wem sie es zu tun haben. Ein private eye muss sich in steter Alarmbereitschaft zeigen.
Am anderen Ende. Alles. Tot. Nix. Nicht mal ein Freizeichen. Als hätte ein übermächtiges Wesen den ganzen Äther verschluckt. War schon eine Atombombe auf die Telekom gefallen?
"Hallo, ich bin’s", rief ich in die Sprechmuschel. Mal probeweise. Vielleicht sollte ich die Sache friedlicher angehen.
Oder war es Theo, der ein schlechtes Gewissen hatte, mich derart schnöde verlassen zu haben?
Die Leitung blieb verstummt.
Früher, als noch alles gelb funktionierte, Post, Pakete, Telefon, meldete sich nach dem Klingelzeichen meistens ein Klient. Der Bürgermeister, besorgt um das Image der Hansestadt, das enttäuscht nach Cuba zum Saufen gefahren war, oder die Kultursenatorin auf der Suche nach den schwarzen Löchern in ihrem schlappen Etat, der Fußballvereinsmeier mit der Bitte um eine kluge Taktik gegen den drohenden Abstieg... wie viele Fälle hatte ich schon ungelöst hinterlassen. Es war mindestens eine Legion.
Aber dass nicht mal mehr die Klienten mit mir sprechen wollten, war beschämend, um nicht zu sagen, verzweifelnd. Oder auch: voll unter der Gürtellinie.
Kaum hatte ich aufgelegt, klingelte es wieder.
Sofort griff ich nach dem Hörer.
Es gibt so ein Selbstanrufprogramm, um sich bei Laune zu halten oder um Klienten auf der anderen Seite des Schreibtisches mal richtig zu beeindrucken, aber wir haben uns bei dieser Offerte zurück gehalten. Es hätte zu viel Verwirrung gestiftet.
"Hier spricht J.B. Cool, ergeben Sie sich und kommen mit hoch erhobenen Händen herein!" Ich variierte meine Ansage, vielleicht half ja das.
Die Leitung blieb schwarz wie das Öl, das gegenwärtig in den Wüstenstädten lichterloh brannte.
Ich legte den Hörer daneben.
Noch so ein Menetekel und ich würde mich aus dem Fenster stürzen. Erster Stock, Knochenbrüche inklusive.
Im Polizeirevier gegenüber würde sie was zum Lachen haben. Ein verzweifelter Sprung aus drei Metern Höhe.
Plötzlich murmelte jemand, was sage ich, faselte, brabbelte, ich zog den Hörer wieder an mein Ohr.
"Morgen Abend, 20 Uhr, Hotel Terminus, Zimmer 20!" Wie eine Endlosschleife, fünf-, sechs-, sieben mal wiederholt – dann war finito.
Morgen Abend war kein Problem. Ich hatte ja alle Zeit der Welt.

4.2.05

Special Guest: Walter Wehner

Name: WEHNER    
Vorname: Walter
Heimatadresse: ISERLOHN

Anwesend im TERMINUS: eigentlich immer

Durch die Geschichten im HOTEL TERMINUS begleiten uns HENK, der alte Portier, DIANA, die Hausdame mit der Schwäche für Rotwein und JUAN, der Barkeeper, der in einigen Monaten seinen Job auf der "Queen Elizabeth II" antreten wird.

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Der Kopfschmerz sagte Diana, dass es gestern Abend eine Flasche Medoc zu viel gewesen sein musste. Unter der warmen Dusche ließ das Pochen in den Schläfen ein wenig nach, und gegen den Rest nahm sie zwei Aspirin. Ihr Frühstück stand wie üblich auf einem Tablett vor der Zimmertür - das war einer der wenigen Vorteile, wenn man gleich an seinem Arbeitsplatz wohnte. Ihr Appartement unterm Dach der TERMINUS bestand aus drei zusammengelegten Dienstmädchenzimmern, und es sparte ihr mit seiner citynahen Lage fast 500 Euro Miete im Monat. Aus dem Fenster konnte sie das Treiben auf der Straße beobachten, das morgendliche Gewusel und Geschiebe der Lieferwagen, die sich zu den Läden in der Einkaufsstraße drängten. Im Café gegenüber saßen die Frühstücksgäste neben den übrig gebliebenen Nachtschwärmern unter den Markise.
Diana trank noch einen Kaffee, zwang sich einen trockenen Toast hinein und spülte mit dem Orangensaft nach, der nur für sie jeden Morgen frisch gepresst wurde.
Henk schlief jetzt nach seiner Nachtschicht sicher schon, in seiner kleinen Wohnung drei Straßen vom Hotel entfernt. Oder er schlief auch nicht, weil ihm seine Arthritis wieder zu schaffen machte. Sie hatte ihm gesagt, dass er ohne Weiteres in den Ruhestand gehen könne und sich nicht mehr länger hinter der Rezeption zu quälen brauchte. Aber immer, wenn sie es ihm sagte, meinte er: "Und du - du müssest doch auch nicht mehr als Hausdame arbeiten!"
Nein, musste sie nicht.

2.2.05

Gästeliste: Edith Kneifl

Name: KNEIFL 
Vorname: EDITH
Heimatadresse: WIEN
Ankunft im TERMINUS: in Kapitel 4

Der letzte Auftritt
Victor Lasky trägt sich als Victor Lazlo ein: Der abgewrackte Pornostar ist in der Stadt, um mit allem abzuschließen. An seinem Entschluss kann auch Rosa Markowski nichts ändern, eine seiner ehemaligen Porno-Partnerinnen, die der Zufall auch ins TERMINUS gespült hat.

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An der Rezeption stand ein großer, dunkelhaariger Mann. In der einen Hand einen Koffer, in der anderen eine Reisetasche.
Henk reichte ihm das Anmeldeformular und musterte ihn mit müden Augen.
Sein Drei-Tage-Bart schien keine modische Attitüde zu sein, sondern das Resultat einer langen Zugfahrt in einem Zweite-Klasse-Abteil. Unter dem schlichten grauen Trenchcoat trug er einen dunklen Anzug, der bestimmt schon bessere Tage gesehen hatte. Der Kragen seines weißen Hemdes war nicht ganz sauber. Die Krawatte saß locker.
Der Mann stellte sein Gepäck auf den Boden, griff nach dem Kugelschreiber und zögerte ein paar Sekunden, bevor er sich als Victor Laszlo, wohnhaft in Wien, 2. Bezirk, eintrug.
***
Sein richtiger Name war Viktor Lasky. Er hatte keine Wohnadresse, nur ein Postfach in Wien.
Der Portier sagte: "Geburtsort und Datum fehlen."
Wie immer machte sich Viktor um fünf Jahre jünger. Als Geburtsort gab er Budapest an, obwohl er vor achtundvierzig Jahren in Györ das Licht der Welt erblickt hatte.
"Ich möchte die erste Nacht gleich bezahlen", sagte er in der Hoffnung, dass dieser unausgeschlafene Portier dann keinen Ausweis verlangen würde.
Henk kassierte fünfundfünfzig Euro und fragte: "Berufstätig?"
"Schauspieler", seufzte Viktor, schrieb aber "Filmemacher" hin.
In dieser Preiskategorie, dachte er auf dem Weg zum Fahrstuhl, sehen alle Hotels der Welt gleich aus. Von der Eleganz des ausgehenden 19. Jahrhunderts war kaum etwas zu bemerken. Abgetretene Teppiche, zerschlissene Polstermöbel, schmutzig gelbe Wände. Die hübschen Jugendstillampen spendeten nur spärliches Licht.
Der Lift öffnete sich, zwei Männer traten heraus und steuerten den Ausgang an, ohne Viktor auch nur eines Blickes zu würdigen.
Die attraktive Rothaarige musste schon eine ganze Weile regungslos in der Tür der Bar gestanden haben. Aber erst jetzt bemerkte er, dass sie ihn anstarrte.

Gästeliste: Regula Venske

Name: VENSKE 
Vorname: Regula
Heimatadresse: HAMBURG
Ankunft im TERMINUS: in Kapitel 1

Siebenschläfer
Über Carlos den Nachtportier und seine letzte Nacht im TERMINUS, eine Geburt und die Suche nach dem verschwundenen Gemächt.

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Sobald er zur Tür hinausgetreten war und die beiden Eingangsstufen hinuntergehumpelt, war aus Carlos, wie er sich seit einiger Zeit nannte, wieder Krüppel-Carlo geworden. Er klappte den Kragen seines alten Staubmantels hoch, zog den Gürtel fester um die Taille und seufzte. Würde dieser Regen je ein Ende nehmen? Wenn es doch wenigstens ein anständiger, erfrischender Sommerregen gewesen wäre! Einer, der zur Jahreszeit passte. So ein eleganter Platzregen, der die Leute laut aufjuchzen und in den Straßen tanzen ließ. Ein veritabler Wolkenbruch, der den einen oder anderen Mitmenschen dazu verführte, in der Hotelhalle seine Zuflucht zu suchen und ein Gläschen mit ihm zu trinken oder zwei. Ein gediegener Guss, bei dem man wusste, woran man war. Der die Blusen der Frauen durchtränkte, sodass sie an der bloßen Haut festklebten und sich die darunter befindlichen Rundungen anmutig abzeichneten. Ach, ihre malvenfarbenen Knospen. Bei der bloßen Vorstellung musste Krüppel-Carlo noch einmal seufzen. Dieser Nieselregen brachte nichts. Führte zu nichts, taugte nichts. Lediglich eine trübe Stimmung ließ er aufkommen, als wäre heute der leibhaftige Buß- und Bettag, wie man ihn in Jugendjahren zur Genüge kennen gelernt hatte. Oder Heiliger Abend. Die Sorte Weihnachten, die den Schnee am meisten vermissen ließ. Tatsächlich hätte er jetzt lieber Frost und Schnee gehabt als diese laue Nässe.
Wie das Wetter heute war, so sollte es angeblich sieben Wochen lang bleiben. Nun, das war, wenn man es recht betrachtete, weniger eine Drohung als ein Versprechen – das Versprechen nämlich, dass es nur sieben Wochen so bleiben würde. Dieses Drippelwetter war doch von einer derart aufdringlich unscheinbaren Art, dass man befürchten musste, es würde einem für den Rest des Jahres und immer und ewig weiter so wie heute in den Kragen tropfen. Wirklich perfide, dachte Krüppel-Carlo. Und dass Henk ihn wieder hatte warten lassen, hatte seine Stimmung auch nicht gerade gesteigert. Aber damit wäre es bald schon vorbei. Henks letzte Nacht hatte begonnen. Genauer gesagt, Krüppel-Carlos letzte Nacht.